Hier spricht oder schreibt die Sandfrau zur Nacht aus dem Leben einer im fortgeschrittenen Alter gereiften und hoffentlich erfahrenen Frau.
Wir älteren Semester werden ja von der oftmals noch grünen Jugend gerne als Grufties abgetan, die eigentlich unter die Erde gehören, um nicht den Verkehr auf der Straße zu verstopfen. Außerdem weiß die Jugend sowieso immer alles besser als die Alten, aber davon lebt schließlich der Fortschritt in der Welt und das war schon immer so, nur nicht so extrem wie heute. Früher war die Jugend noch bereit, von den Alten das zu lernen, was sie möglicherweise für ihr eigenes Fortkommen gebrauchen konnten und haben nicht rundheraus alles in Bausch und Bogen abgelehnt, wie es heute oft der Fall ist. Dabei könnten wir älteren Semester der Jugend durchaus noch Impulse geben, wenn sie nur interessiert wären.
Ich bin im zarten Alter von dreißig Jahren im Jahre 1963 nach Hamburg gekommen, also ein Jahr nach der großen Jahrhundertflut, die Hamburg so einen großen Schaden zugefügt hat. Und in der der von mir so bewunderte Helmut Schmidt mit soviel Bravour die Probleme gemeistert hat, um den Opfern schnell und unbürokratisch zu helfen. Wo kann man das heute noch feststellen. Heute wird nur geredet und geredet, eine Kommission einberufen, die alles prüfen soll und die betroffenen Menschen gucken in die Röhre.
1962 befand ich mich noch in Wilhelmshaven, und diese Stürme ließen unsere Häuser erzittern, das einem Angst und Bange wurde. Die aufgewühlte Nordsee drückte das Wasser in den Jadebusen die Elbe hinauf bis nach Hamburg und Wilhelmsburg, wo es überall da über die Ufern trat, wo die Deiche zu niedrig waren oder unter der Wucht des Aufpralls brachen. Wilhelmshaven schon durch frühere Sturmfluten heimgesucht, hatte inzwischen große Sieltore, die geschlossen wurden. Doch auch hier war das Wasser schon bedenklich hoch bis fast an die Deichkronen und der oberen Kante des Sieltores von Mariensiel. Der starke Frost bändigte dann aber die Nordsee und ließ die Ufer zufrieren, so dass wir ziemlich weit über das Eis spazieren konnten. Das Eis war natürlich nicht glatt, sondern auf- und übereinander geschichtet, weil sich das Meer zur Wehr gesetzt hat. Aber wir sind dann von einer Eisscholle zur anderen gehüpft und unser Hund war ganz närrisch über dieses neue Erlebnis.
So, jetzt erst einmal gute Nacht. Ich hab noch schnell Pipi gemacht. Ich bin ein ungezogenes Kind, weil meine Eltern Säufer sind.
Das stimmt natürlich nicht. Denn das ist aus den Gute-Nacht- Gedichten von Ringelnatz, eines großen Hamburger Sohnes, der damals noch dafür gesorgt hat, das St. Pauli und die Reeperbahn einen gemütlichen und literarischen Touch hatten, und nicht wie heute, wo man aufpassen muss, dass einem nicht plötzlich ein Messer zwischen den Rippen steckt.
A l s o klickt mich an!!!!
Moin, moin, da bin ich wieder.
Wundert Euch nicht, dass ich Euch kurz vor Mitternacht mit einem Guten-Morgen-Gruß begrüße, aber die Ostfriesen sind ein derart mundfaules Volk, dass sie nur einen Gruß in petto haben. Das ist einfacher und sie müssen nicht erst überlegen, welche Tageszeit wir haben. Trotzdem liebe ich Ostfriesland mit ihren pittoresken kleinen Häfen mit der ewigen steifen Brise, die einem durch die Knochen fährt und dieselben zum Klappern bringt und einen Appetit auf einen starken und heißen Pharisäer macht. Den haben die plietschen Ostfriesen erfunden, um den Herrn Pastor hinters Licht zu führen, der bei den Taufen keinen Alkohol sehen wollte. Also haben sie sich einen starken Kaffee gekocht mit einem guten Schuss Rum angereichert und damit man den Alkohol nicht roch, obendrauf noch ein Sahnehäubchen gesetzt. Der Pastor hat natürlich den Kaffee pur bekommen und sich gewundert, warum seine Schäflein immer lustiger wurden. Als er den Schwindel dann durchschaut hat, hat er seine bedudelte Gemeinde mit "Pharisäer" beschimpft, was die nicht im geringsten gestört hat und diese angenehme Sitte bis heute beibehalten haben.
Mit so einer heißen Tasse zwischen den klammen Fingern und im Magen die aufsteigende Wärme verspürend kann man gemütlich auf einem Poller oder der Kaimauer hocken, die würzige Brise aus Tang und Fisch riechen, auf das Geschrei und Gezänk der Möwen hören und über die endlose Weite der grauen Nordsee, die sich am fernen Horizont mit dem Himmel vereint, seine Gedanken fliegen lassen.
Dazu fällt mir Christian Morgenstern ein, der die Möwen mit einem schönen Lied verewigt hat:
Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen,
sie tragen einen weißen Flaus und sind mit Schrot zu schießen.
Ich schieße keine Möwe tot, ich lass sie lieber leben,
und füttere sie mit Roggenbrot und rötlichen Zibeben.
O Mensch, du wirst nie nebenbei der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest sei zufrieden, ihr zu gleichen.
So jetzt gehe ich zur Ruh, mir fallen schon die Augen zu. Bis morgen in alter Frische.
Und vergesst nicht, klickt mich an!!
www.renate-kronberg.de


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